Jeder will zum FC Bayern

Vor zwei Wochen ist mir ein Artikel der Computerwoche in die Finger gefallen, in dem die Traumarbeitgeber der Young Professionals 2015 vorgestellt wurden. Mal wieder sieht man die üblichen Verdächtigen: ganz vorne weg Google, dann die Verfolgerschaft mit Microsoft, SAP, Apple und IBM. Der Artikel vergleicht das Bild mit der Fußball-Bundesliga: jeder Absolvent will zum FC Bayern.

Betrachtet man das nur aus der Fußballbrille, dann scheint das erst einmal plausibel: Ich gehe zum Größten, da bekomme ich das meiste Geld und automatisch die beste Ausbildung. Oft vergessen wird allerdings, dass man dann jedoch die meiste Zeit bestenfalls auf der Ersatzbank verbringt oder sogar nur bei den Amateuren spielen darf.

Die zweite Mannschaft des FC Google

Doch wie ist das eigentlich in der Berufswelt? Sind die Branchengrößten auch wirklich die besten Talentschmieden und bekomme ich dort wirklich die beste Ausbildung und das beste Gehalt? Oder ist es eher so, dass der große Namen ködert, man aber schlussendlich nur auf der Ersatzbank (= „auf der Bench“ bei vielen Beratungshäusern, d.h. man ist ohne Projekt) sitzt oder nur in der zweiten Mannschaft (= in den undankbaren Projekten) spielt. Oder ist es vielleicht doch besser – um im Bundesliga-Jargon zu bleiben –, lieber nicht beim Branchenprimus zu starten, sondern eine Nummer kleiner? Stehe ich als Frischling beim FC Bayern jedes Mal in der Startelf bzw. darf ich bei Google sofort am Suchmaschinenalgorithmus mitbasteln? Oder trainiere ich nur mit den Amateuren und mache Bugfixing in einem langweiligen Projekt?

In meiner persönlichen beruflichen Laufbahn habe ich sowohl den Mittelstand als auch den Weltkonzern erlebt und auch bei beiden mehrere Berufseinsteiger eingestellt und begleitet. Mein Fazit: Das erste Auswahlkriterium sollten der Coach und die Trainermannschaft sein und nicht der Verein mit seinem Namen und Renommee.

Der Kloppo-Effekt

Was heißt das nun für den Berufseinsteiger? Mein Plädoyer an euch alle: Bitte wählt euren Job nicht nur nach dem Namen der Firma aus. Seid offen für alternative Ansätze, geht z.B. in den Mittelstand. Klärt, dass ihr das Bewerbungsgespräch schon mit dem euch angedachten Chef macht und entscheidet, wo ihr am meisten lernen könnt. Und nicht, was im Lebenslauf auf den ersten Blick am besten aussieht. Wenn ihr bei einem tollen Namen gearbeitet, aber nichts gelernt habt, fällt das im nächsten Bewerbungsgespräch trotzdem auf.

Gerade am Anfang ist es wichtig, den richtigen Chef und Mentor zu haben und in einem Team gemeinsam zu arbeiten. Wenn ich als Frischling in einem großen Beratungshaus direkt ins Kundenprojekt geschickt werde und dort vor Ort sitze, lerne ich vom Kunden und fühle mich über kurz oder lang nicht mehr meinem eigentlichen Arbeitgeber verbunden – denn ich sehe und höre alles von Anfang an aus der Perspektive des Kunden. Von meiner eigentlichen Firma bekomme ich nichts mit. Wenn ihr als Berufsanfänger aber eine Top-Ausbildung bekommt, in einem Team arbeitet, wo es Spaß macht und einen Chef habt, der euch fordert und fördert, habt ihr davon zehnmal mehr als von einem Supernamen im Lebenslauf.

Ich werde nicht müde zu hoffen, dass irgendwann mal wieder ein Aufsteigerverein direkt die Meisterschaft holt oder wenigstens in die Champions League kommt. Oder eben im nächstjährigen Ranking der Computerwoche mal ein Underdog die Runde aufmischt.

 

Bildquelle: Shutterstock

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